Offener Brief an die Zeit

Sehr geehrter Herr Joffe, sehr geehrter Herr Wegner!

Ich habe mich über Monate zu sehr in einen Kleinkrieg mit Ihrer Onlineforenmoderation hineinbegeben, als dass das Folgende nicht als Jammern oder persönliches Beleidigtsein verstanden werden könnte. Möglicherweise ist das Forum Ihrer Onlineausgabe auch nur ein lästiges Anhängsel Ihrer Zeitung, in dem nichtzahlende Leser unverschämte Forderungen erheben. Nichtsdestotrotz ist es ein Aushängeschild Ihrer Zeitung. Vermutlich sogar kein unwesentliches. Sie können das Folgende also als eine Beschwerde abtun, aber ich hoffe auf Ihre Einsicht, dass es darüber hinausgeht.
Seit den ersten blutigen Auseinandersetzungen in Syrien habe ich mich, zunächst aus Informationsgründen, sehr viel im Online-Spiegel und zunehmend auch in der Zeit-Online bewegt. Zunehmend auch in deren Foren. Aus Ärger über immer mehr Beiträge, die mit unverhohlener Dreistigkeit die realen Vorgänge verdrehten oder dem Whataboutism frönten, ging ich auch dazu über, ärgerlich Gegenbeiträge zu schreiben, was schließlich zu einem eigenen Blog führte, um längere eigene Texte und Grafiken verlinken zu können. Dieses wurde und wird bei Beiträgen, die ich für völlig seriös halte, abgesehen davon, dass sie eindeutig Putin die Schuld für die Entwicklungen in der Ukraine und in Syrien zuweisen, falls das nicht seriös sein sollte, massiv unterbunden. Mit teilweise ärgerlichen Begründungen. So wurde mir gestern in einer Moderationsbegründung für eine Löschung unterstellt, dass ich Gewalt verherrliche, mit einem Satz, der bezogen auf einen von ukrainischen Soldaten ins Bein geschossenen Separatisten lautete: „Bei seinem Verhalten hatte der Typ Glück, dass ihm nichts Schlimmeres als ein Loch im Unterschenkel zugestoßen ist.“ Ein wertfreier Satz, der sich lediglich auf das im verlinkten Video offen ersichtliche Übersehen jeglicher Warnsignale bezog. Aufschlussreich allerdings, was andere Foristen und die Moderation hineininterpretierten! Absurd auch: verlinke ich diese Grafik (https://criticusnixalsverdruss.wordpress.com/2014/05/10/propagramm/) nur als Grafik, wird sie mit der Begründung gelöscht, dass die Quelle nicht verifizierbar ist, verlinke ich dagegen die ganze Seite meines Blogs, auf der sie enthalten ist und auch die zugrundeliegenden Quellen, wird mit der Begründung gelöscht, dass ich nicht Werbung für den eigenen Blog machen soll. (Schon bevor die Kritik an der Zeit mit auf dieser Seite stand.) Das ist ein Kampf mit gefesselten Armen gegen eine Flut von Propaganda.
Schaut man sich die Auswahl der Beitragslöschungen an, die fast täglich mit Accountlöschungen einhergehen, komme ich nicht um den Eindruck herum, dass es dabei mindestens zusätzlich zur Ordnungsabsicht und Sicherstellung der Netiquette auch eine politische Gewichtung gibt. Beim Spiegel noch mehr, aber auch in der Zeit. Darüber könnte ich resigniert die Schultern zucken, wenn ausschließlich das das ganze Bild der Foren bestimmen würde. Das ist aber leider nicht der Fall. Streckenweise 80-90 Prozent der Beiträge zu russischen Themen, vor allem natürlich Syrien und Ukraine, werden von schamlos offenen Pro-Putin-Beiträgen bestimmt, die keinesfalls ein Abbild der realen öffentlichen Meinung wiedergeben können, sondern nur genau dieses suggerieren sollen. Wäre es so, müssten 80 Prozent der Schreiber jegliches grundlegende Rechtsverständnis, dass man zumindest in Grundzügen schon in der Schule lernt, über Bord geworfen haben. Sie müssten auch plötzlich alle etwas gegen Homosexuelle haben und russsische und nordkoreanische Trägerraketentests prima finden.
Es ist ja auch ein relativ offenes Geheimnis, dass, verharmlosend ausgedrückt, Putintrolle oder Putinversteher europaweit, genauer gesagt weltweit, in Blogs und Foren unterwegs sind. Zipfel dieses Netzwerks wurden 2012 in Russland sichbar, als u.A. Emails der Naschi-Jugend mit ihren Auftraggebern gehackt wurden, in denen Preise, Themen und Methoden besprochen wurden. Der Guardian hat das Thema vor kurzem zum zweiten Mal in einem Artikel beleuchtet und sich auch selbstkritisch damit auseinandergesetzt. Das ist das erste, was ich bei den deutschen Medien vermisse. Wenigstens dazu erwarte ich eine klare Stellungnahme, wenn man dies im eigenen Forum geschehen lässt. Aber ich finde es auch eine berechtigte Forderung an die deutschen, wenn Sie wollen auch gerne an die europäischen Medien, dass sie sich Gedanken darüber machen, wie sie dieses abstellen wollen. Notfalls auch mit der Schließung ihrer Foren. Das folgende Geheule über Demokratieabbau ist mir dabei klar vor Augen. Aber es kann und darf nicht sein, dass die europäischen Medien sich widerstandslos zu einem Propagandainstrument des Kremls machen lassen. Dass diese Propaganda effektiver sein kann als Panzer, Kampfflugzeuge oder atomare Drohungen ist gerade bestens in der Ostukraine zu bewundern. Innerhalb weniger Monate, eher Wochen, ist ein „faschisti“-kreischender Mob in den Straßen der Ostukraine entstanden, der, gesteuert von Speznas, mit Steinen, Knüppeln und Eisenstangen auf alles und jeden einprügelt, das oder der irgendwie blau-gelb aussieht. In die richtige Richtung wird der Mob von Speznas-Einheiten geschubst, aber die Emotionen und die Motivation stammt ausschließlich aus russischen Medien, so wie der Hass auf die Juden einst aus den Volksempfängern.
Bitte überdenken Sie den Umgang mit Ihrem Forum!
Mit freundlichem Gruß

„criticus nixalsverdruss“

criticus.nixalsverdruss@web.de
Ps: Ich bitte um Verständnis, dass ich nur bei einer ggf. von Ihnen gewünschten Kontaktaufnahme meinen realen Namen nenne.

—-

Da es ein die ZEIT betreffender „offener“ Brief ist, habe ich mir natürlich auch erlaubt, neben einer direkten Mail an die Chefredaktion einen Link zu diesem Brief ins aktuelle Ukraine-Forum zu stellen.

ohne Worte:

 

loeschOffenerBr)

Da ich nicht auf meinen eigenen Blog verlinken soll, vielleicht findet sich ja jemand, der sich traut „Werbung“ für einen fremden Blog zu machen.

Danke

Und noch ein Nachtrag zu diesem offenen Brief: 21.5.2014 http://www.themoscowtimes.com/article/500641.html

Übrigens nein, eine persönliche Antwort oder eine Stellungnahme in der Zeitung dazu habe ich nicht bekommen oder gefunden.

Noch ein Nachtrag: 3.6.2014: http://www.buzzfeed.com/maxseddon/documents-show-how-russias-troll-army-hit-america

.

Die Wahrnehmung am anderen Ende der Leitung: http://www.srf.ch/sendungen/medientalk/medientalk-die-macht-der-trolle

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7 Gedanken zu „Offener Brief an die Zeit

  1. Wirklich sehr geehrter Criticus…
    Schon vor Monaten erhielten ihre Beiträge im ZO-Forum meine Zustimmung.
    Habe Ihre Bemühungen bewundert gegen die Übermacht der Putinhörigen anzuschreiben.
    Aus völlig unbeschreiblichen Gründen wurde mein Account gelöscht.
    Vielleicht eine kurze Erklärung zu meiner Person:
    – bin kein Schreiberling
    – habe 6 Jahre in St. Petersburg gelebt und glaube die sogenannte Russische Seele etwas zu verstehen. Früher war ich stolz darauf, heute weiß ich nicht mehr ob ich mich dessen schämen soll.
    Russische Freunde habe ich verloren. Ihr Patriotismus hat sie verdorben.
    Mein bester Freund ein Tatare wurde erstochen.
    Bin deshalb aber noch kein Russlandhasser geworden.
    Nutze mein Russischkenntnisse um mich in „VK“ und „Нородное Освободителное Движение“ zu informieren. Da durch weiß ich schon zwei Tage im voraus was die Friedensbringer so planen. Argumentation in einem russischen Forum ist nicht möglich. Sie endet in wüsten Beschimpfungen auf niedrigstem sprachlichen Niveau.
    Meine Analyse in deutschen Foren ergab ca. 85% Putinverehrer.
    Das positive daran, sie werden polarisiert auf die Foren und können woanders keinen Schaden anrichten.
    Von unseren Medien bin ich maßlos enttäuscht. Anstatt sich zu verteidigen lässt man sich von der Medienkritik unterbuttern.
    Sind unsere sogenannten westlichen Werte wirklich so schlecht, daß man sie nicht mehr aktiv verteidigen darf.
    Der plötzliche, von links nach rechts Ruck, in den Köpfen wird kommen in Form des alten Faschismus des Westens oder des Neofaschismus Neurusslands.
    Analysen sind gefragt und klares Auftreten gegen die Verdummung des Volkes.
    Auch „Die Zeit“ sollte mehr unsere, die Interessen Europas vertreten.

    Ansonsten gibt es nur Abwendung und Ignoranz.

    Keine Plattform für Europafeindliche Propaganda bieten.
    In Russland auch Null der Toleranz.

    Gegen die Nougatcreme mit freundlichen Grüßen

    frankspost

    • Danke!
      Auf den Satz „Das positive daran, sie werden polarisiert auf die Foren und können woanders keinen Schaden anrichten.“ würde ich gerne später nochmal ausführlicher eingehen.

  2. Ok, …

    „Das positive daran, sie werden polarisiert auf die Foren und können woanders keinen Schaden anrichten.“

    Meine Bezugspunkte zu Russland über die Medien hinaus beschränken sich zwar auf zwei ehemalige und zwei gegenwärtige in Deutschland lebende russische Bekannte. (Ich hoffe NOCH, denn ich habe sie eine Weile nicht mehr getroffen und sie haben sich bei Facebook fast unsichtbar gemacht.) Insofern kann ich nicht auf vergleichbare Erfahrungen zurückgreifen. Trotzdem halte ich diesen Satz für eine gefährliche Fehleinschätzung. Ich hoffe, ich wirke nicht paranoid, aber inzwischen sehe ich die Putinversteher, um mal diesen Euphemismus für Propagandisten oder „Agenten“ zu benutzen, fast überall. Die Twittermeldungen werden im gleichen Umfang mit Meldungen gespammt, die auf Artikel und Meldungen in russischen Propaganda-Outlets verlinken. Von Voice of Russia bis zu so üblen wie die von mir vorgestellte Ukrainian Human Rights-Seite. Und das passiert nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, zumindest im englischen Sprachraum.
    Und das gleiche passiert auf Youtube, wo antiwestliche youtube-Propagandakanäle und -TVs aus dem Boden schießen wie Pilze. Und wenn man sich die Auftritte von Dirk Müller oder solche wie diesen mit einem Interviewer ansieht, der sowas von abgesprochene Fragen stellt, dann müssen auch das Börsenwesen und n-tv vom Kreml unterwandert sein. Anders ist sowas nicht zu erklären: https://www.youtube.com/watch?v=bPWkAppvkfw#t=30 Darauf wurde gerade im Zeitforum verlinkt. Je mehr ich mich umschaue, desto übler wird mir. Ich glaube, wir haben in Deutschland dank dieser schon beim Syrienkonflikt einsetzenden Propaganda bereits eine Mehrheit in Deutschand, die mehr faschistisch orientiert als links ist. Nur viele davon halten sich noch für links. Also erwarte ich keinen Umschwung mehr nach rechts. Höchstens noch ein böses Erwachen.

  3. Zum Thema „Dirk Müller“ – Interview : Hier haben wir ein typisches Beispiel für zielgesteuerte Fragen….. Was sagen Sie dazu, daß…. Weil doch…. dies geschehen ist….. unumgänglich….so ist es und nicht anders.
    n-tv ( Gazprom finanziert), wenn man es weiß eigentlich durchsichtig.
    Dirk Emmerlich nicht nur in der Ukraine mit fertigen Tatsachen berichterstattend.

    Noch besser ist ntv auf russisch – reißerisch und unerträglich, viel schlimmer als RT.

    Auch nicht schlecht die ARD in der Nacht auf die Ergebnisse der Referenden im Donbass: … ein neues Land, Neurossia ist entstanden.
    Das Unbehagen stand den Kommentatoren im Gesicht geschrieben.

    Alle prorussischen Beiträge vor allem aus Deutschland zur Ukraine-Krise werden in russischen Medien wiedergeben, sogar „Die Anstalt“.
    Warum, kann man sich denken.

    Da zu noch:
    Im Vorfeld zum 1. Runden Tisch „Zur Nationalen Einheit der Ukraine“ gab es eine geschlossene Eröffnungnungsveranstaltung. In dieser erklärte Leonid Kravchuk, die Ukraine sollte sich an die Länder der EU und die Teilnehmer des Genfer Abkommens richten zum Thema : Sicherheit unseres Staates in Verbindung mit der russischen Aggression. Dies sei notwendig insofern ich heute hörte, daß einige EU-Advokaten Russland aus dem Konflikt herausnehmen wollten und sagen, daß bei uns Bürgerkrieg ist, zu dem Russland in keinerlei Beziehung steht.
    Das ist genau das was auch Putin bei der OSZE behauptet.
    Wir brauchen Hilfe unter Berücksichtigung dessen, daß sich Russland morgen weiter nach Westen bewegen wird und dann wissen wir nicht wer Handlanger Putins sein wird. ….. so der ehemalige Präsident der Ukraine.
    Wie wird der nächste Runde Tisch ausgehen?

  4. Die Beispiele gehen weiter.
    Soeben auf n-tv : … der 2.Runde Tisch wird eröffnet….. (endet mit dem Satz) : … Die prorussischen Aktivisten sind dazu nicht eingeladen.
    17.05.2014 – 10.00 Uhr

  5. Na gut, die Ukraine hat ja faktisch die Grenze für alle russischen Männer im Alter von 16-60 Jahren geschlossen. Alle haben jetzt Panik außer der 61 jährige Putin. (russischer Humor)

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