Bürgerkrieg? Welcher Bürgerkrieg!?

Schaut man sich in der deutschen und europäischen Presse um, ist immer wieder von Bürgerkrieg in der Ukraine die Rede. Von Separatisten, Föderalisten, von Rebellen, von Aufständischen, ja sogar von Freiheits- oder Unabhängigkeitskämpfern. Liest man andererseits, dass inzwischen reguläre russische Truppen nicht nur in die Ukraine schießen, sondern sogar bewiesenermaßen in der Ostukraine im Einsatz sind, wirft das die schon häufig zum Beginn der Auseinandersetzungen gestellte Frage auf, wer dort für wen kämpft.

Wessen Interessen vertreten werden, darüber geben zwei Umfragen aus dem März 2014 Auskunft:

84 Prozent der Ukrainer und 57 Prozent der befragten Krim-Bewohner befürworten demnach garantierte Rechte für Minderheiten, Rückzug der russischen Truppen zu ihren Stützpunkten und international überwachte Wahlen. Was die Amtsenthebung des Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch betrifft, sind mehr als 80 Prozent der ukrainischen Gesamtbevölkerung mit der Absetzung einverstanden, auf der Krim befürwortet nur die Hälfte der Befragten Janukowitschs Entlassung. (Soviel zum „Putsch“ in Kiew!)

(Umfrage 6. bis 11. März: http://www.spiegel.de/politik/ausland/krim-krise-ukrainer-wollen-gleichgewicht-zwischen-russland-und-westen-a-958678.html)

fuckwar

Noch detaillierter ist eine IRI-Umfrage vom 14. bis 26 März:  Nirgendwo in der gesamten Ukraine findet sich eine Mehrheit, die sich wegen der russischen Sprache diskriminiert fühlt, keine Mehrheit, die eine militärische Unterstützung aus Russland wünscht, seit Mai 2013 ist eine Mehrheit der Gesamtukraine für eine Wirtschaftsunion mit der EU, 68% waren gegen ein Krimreferendum, 74 % der Ukrainer waren für eine Einheit des Landes, davon ohne Krim 10%.  Bemerkenswert: nur 14 bzw. 16 Prozent in der West- und Zentralukraine informierten sich über das russische Fernsehen. In der Ost- bzw. Südukraine waren es 44 bzw. 47 Prozent. Entscheidend aber: 16 bzw. 11 Prozent waren klar bzw. eher für eine militärische Unterstützung aus Russland in der Südukraine und 12 / 12 in der Ostukraine. Das sind die Menschen, deren Interessen von den „Separatisten“ vertreten werden. Falls sie denn nach den gemachten Erfahrungen noch der gleichen Ansicht sind. Ziemlich genau ein Viertel der Ostukrainer, bzw. ca. ein Achtel aller Ukrainer.

(http://www.iri.org/sites/default/files/2014%20April%205%20IRI%20Public%20Opinion%20Survey%20of%20Ukraine,%20March%2014-26,%202014.pdf)

Die restlichen Dreiviertel der Ostukrainer brachten ihre gegenteilige Meinung auch deutlich zum Ausdruck. Schriftlich:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/ukrainische-autoren-schreiben-an-putin-wir-wollen-nicht-von-russland-beschuetzt-werden-12831414.html

Oder so wie hier in Donezk:

DonezkApril ProKiewDemoDonnesk

Das schien aber Russland so nicht zu gefallen, denn es schickte Russen, die dieses Bild verändern sollten:

http://www.bbc.com/news/blogs-trending-26435333

Diese wurden häufig busseweise zu Brennpunkten gefahren, um öffentliche Gebäude zu besetzen und Kravalle zu inszenieren. Man darf wohl davon ausgehen, dass sie genauso wie ihre Gesinnungsgenossen aus der Ostukraine schon zu dieser Zeit zielgerichtet vom militärischen russischen Geheimdienst GRU gesteuert wurden.

Es gab die ersten Gebäudebesetzungen und die ersten Toten bei Angriffen auf proukrainische Demonstrationen. Das war der Zeitpunkt für Russland, helfend einzugreifen. Diese Herren betraten das Spielfeld:

Girkins Truppe: http://www.ukrainianwinnipeg.ca/russian-mercenaries-donbas/

Sie besetzten Polizeigebäude, Sicherheitsdienstgebäude und Rathäuser. Die dort erbeuteten Waffen verteilten sie großzügig unter Gesinnungsgenossen. Dann hielten sie ein „Referendum“ ab, dessen Ergbnis wenig überraschenderweise nicht ganz unerheblich von den früheren Meinungsumfragen in der Ostukraine abwich:

http://www.newsweek.com/east-ukraine-separatists-say-89-percent-chose-self-rule-250637

Doch sie hatten ein Problem. Ihr zweifelhafter politischer Background:

http://www.jamestown.org/single/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=42481&no_cache=1#.U_spMGMyGWG

BlPsON3CIAA-Hqa

duginnaz

http://euromaidanpress.com/2014/08/27/a-nazi-division-from-the-russian-national-unity-is-fighting-in-ukraine-and-continues-to-recruit/

http://anton-shekhovtsov.blogspot.de/2014/08/french-eurasianists-join-pro-russian.html

führte selbst bei ihren Anhängern zu Irritationen:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=22496

Und keiner war richtig glücklich von ihnen befreit zu werden, wie man es ihnen wohl in Russland eingeredet hatte.

Anwohnerinnen vertreiben Separatisten:

Makeevka – Bürger schütten die Verteidigungsstellungen der Separatisten zu:

https://translate.google.de/translate?sl=ru&tl=en&js=y&prev=_t&hl=de&ie=UTF-8&u=http%3A%2F%2Finformator.lg.ua%2F%3Fp%3D23760&edit-text=

Entsprechend schlecht lief es auch mit der lokalen Rekrutierung, wie Girkin frustriert öffentlich feststellte:

http://www.jamestown.org/single/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=42703&tx_ttnews%5BbackPid%5D=381&cHash=1b7be65002257ca40141e1007fa739f0#.U_skW2MyGWE

Die Perspektiven der „Separatisten“ waren nicht rosig:

http://america.aljazeera.com/opinions/2014/4/eastern-ukraine-prorussianseparatistsdonetskdonbas.html

http://euromaidanpress.com/2014/08/15/who-the-hell-did-we-liberate-here-word-of-mouth-from-dnr-terrorist/

Es mussten also noch mehr Kämpfer aus Russland herangeschafft werden, um die Ostukrainer zu befreien, die gar nicht so recht befreit werden wollten.

Rekrutierung von Söldnern in Russland: http://www.bbc.com/news/world-europe-27971176

Rekrutierungsbüro in Moskau: http://www.usatoday.com/story/news/world/2014/08/07/ukraine-separatists-russia-recruiting-fighters/13671139/

Sollte es je eine Mehrheit von ostukrainischen Kämpfern gegenüber importierten Russen gegeben haben, so verlor sie sich jetzt endgültig, wie dieser Separatist in einem Interview bestätigte:

Journalists who have been in the region say that about 20 percent of those fighting are Russians and the other 80 percent are local militias.

I’d say exactly the opposite. Most of them are Russians, Chechens, Ingush. There are also Armenians like me. I spoke to some locals and they say that they did what they’d been told. I said, „What did they tell you to do?“ They answered: „We voted. The rest is up to you.“ That is, they participated in the referendum on DNR independence but they don’t intend to fight. One guy told me, „I want to get my pay and then drink until my next payday.“ In general, they have no experience. Don’t know how to handle weapons. No one had been in the military. I’m talking about in Donetsk.

And in Horlivka?

There it is about 50-50. But the Russians fight better. They are people who have been in the military. It is a real army—Ukraine hasn’t [really] had an army for 23 years.

(http://www.theatlantic.com/international/archive/2014/07/i-was-a-pro-russian-separatist-fighter-in-ukraine/374411/)

Kaum von der ukrainischen Armee befreit, zeigen die Menschen im Donbas so wie hier in Kramatorsk am Unabhängigkeitstag, wem ihre Loyalität gehört:

Wenn das Leben ein Märchen von Gerechtigkeit und Freiheit wäre, wäre das ein schöner Schluss. Allerdings wäre das ein Schluss, der der Machtgier Putins diametral gegenüber steht.

Und so wurden die Köpfe im Donbass noch russischer:

Antjufejew: Ich bin Russe durch und durch: http://www.tagesspiegel.de/politik/neuer-separatisten-fuehrer-in-ukraine-ich-bin-russe-durch-und-durch/10266058.html

Und die „Freiheitskämpfer“ und ihre Waffen wurden noch russischer:

We are fighting against Russians: https://www.youtube.com/watch?v=IX6e3wr34BM&feature=youtu.be

https://criticusnixalsverdruss.wordpress.com/2014/08/21/guten-morgen-ausgeschlafen/

Und als ich anfing dieses heute Morgen zu schreiben, erschienen Meldungen auf Twitter, dass 50 russische Fahrzeuge inklusive Kampfpanzern und gepanzerten Truppentransportern die ukrainische Grenze Richtung Mariopol durchbrochen haben. Eine neue russische Front gegen die Ukraine. jetzt muss ich schauen, was daraus geworden ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

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