Holodomor

Holodomor

Es gibt sicher Rechtsradikale in der Ukraine, auch Nazis. Mit Faschisten sieht es schon recht schlecht aus, denn sie müssten klar den Wunsch äußern, staatliche Strukturen in der Ukraine herbeizuführen, die Putin in Russland bereits errichtet hat. Es mag auch sein, dass sich im Sinne einer von Putin intendierten self fulfilling Prophecy unter dem äußeren Druck mehr Rechte als früher unter dem Banner des Rechten Sektors oder des Bataillons Asow zusammenfinden (das übrigens mehrheitlich aus russischsprachigen Ostukrainern bestehen soll) um die Ukraine zu verteidigen. Gesellschaftlich oder strafrechtlich relevant hat es jedoch in den letzten Jahrzehnten nie einen größeren Rechtsextremimus in der Ukraine gegeben, als in irgendeinem anderen europäischen Land, schon gar nicht als in Russland! Das sagen alle ernstzunehmenden Extremismusforscher und alle jüdischen Verbände der Ukraine. Dass Rechtsextremisten, nach allen Umfragen und wie die geringe Zahl an Stimmen aus dem rechtsextremen Lager bei der Präsidentenwahl gezeigt hat, vorübergehend überproportional im aktuellen Kabinet vertreten sind, ist dem Umstand geschuldet, dass sie sich bei der Revolution der ukrainischen Bürger auf dem Maidan, nach Ansicht vieler, große Verdienste erworben haben, diese Revolution nicht scheitern zu lassen. Denn sie waren da und haben den Kopf hingehalten, als der Staat Gewalt gegen friedliche Demonstranten einsetzte. Sie haben dafür gesorgt, dass der staatlichen Gewalt von Seiten der Demonstranten begegnet werden konnte und die von allen gesellschaftlichen Gruppierungen und Schichten getragene Revolution nicht im Terror der Janukowitschregierung unterging.

Etwas schwieriger ist es mit dem von der russischen Propaganda gern und ausgiebig genutzten Umstand, dass sich viele Ukrainer, die häufig nicht einmal rechtsextrem, sondern nur nationalistisch eingestellt sind, auf Bandera und nazistische Symbolik beziehen. Zunächst einmal sollte man sich vor Augen halten, dass Nationalismus nicht zwangsläufig etwas mit Rassismus oder Autokratie zu tun hat, wie es beim Nationalsozialismus der Fall war. Historisch gesehen, war Nationalismus häufig geprägt vom Befreiungskampf eines Volkes von Okkupation und Unterdrückung durch andere Staaten. Etwas, was im Besonderen und auch in besonders brutaler Weise die Ukraine betrifft. In der langen wechselvollen Geschicht die zur Enstehung des Nationalstaates Ukraine führte, wurden immer wieder große Teile der Ukraine von den Türken, den Habsburgern, von Rumänien, Polen und Russland beansprucht, besetzt, oder erobert. Maßgeblich nach Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem Polen und Russland. Gegen beide Staaten führte die OUN, in der Bandera eine führende Rolle spielte, einen Befreiungskampf für eine unabhängige Ukraine. Die Mittel die sie und auch der militante Bandera dabei anwandten, kann niemand gutheißen. Sie halfen dem Dritten Reich bei der Ermordung tausender Juden. Sowohl in Polen, als auch in der sowjetischen Ukraine. Wie übrigens auch zahlreiche Russen. Deshalb kann man und will ich natürlich auch nicht die Bandera-Verehrung vieler ukrainischer Nationalisten gutheißen. Davor sollte ihn auch nicht schützen, dass er später selbst als Opfer im KZ saß, nachdem er sich von den Nazis enttäuscht abwandte, weil sie nicht wie erhofft eine unabhängige Ukraine unterstützten. Wenn man sich allerdings einmal genauer ansieht, mit welchen Verbrechen Stalin die Ukraine überzog, dann muss man den Hass der Ukrainer auf Stalin verstehen. Und die großen Hoffnungen, die sie auf Hitler als vermeintlichen Befreier von Stalins Macht setzten. Der Begriff Holodomor klingt nicht nur so ähnlich wie Holocaust, sondern er steht auch für einen vergleichbaren Vorgang. Russische Historiker stehen inzwischen mit ihrer Behauptung weltweit nahezu allein da, dass die Hungersnöte an denen Millionen in den Jahren 1932 und 1933 in der Ukraine starben, durch Missernten zu erklären seien. Dem steht entgegen, dass die Ukraine zu dieser Zeit die Kornkammer der Sowjetunion war und dass Stalin im großen Umfang Getreide nach Westeuropa verkaufen ließ, während die Menschen in der Ukraine verhungerten. Es war zynische und erklärte Absicht Stalins, die Bauern durch Hunger zu disziplinieren. Wer nicht genug Getreide an die russische Regierung ablieferte, weil er es nicht konnte ohne zu verhungern, wurde noch durch zusätzliche Abgaben bestraft. Wer Überlebensrationen versteckte, wurde von Kossaken ausgepeitscht oder hingerichtet. Die so vorsätzlich erzeugte Hungersnot führte dazu, dass Menschen Gras und Baumrinde aßen, manche auch zu Kannibalen wurden. Es gibt sogar Berichte, dass Mütter ihre eigenen Kinder aßen, bevor sie dann unvermeidlich selbst den Hungertod starben. Berechnungen und Schätzungen der Opferzahlen dieser Vernichtung durch Hunger liegen zwischen 2,5 und 14,5 Millionen Menschen. Ich verzichte lieber auf einen Zahlenvergleich zu anderen Massenmorden, weil ich schon weiß, was mir dann vorgeworfen würde. Es sollte jedenfalls allemal reichen, um die falschen Hoffnungen der Ukrainer zu verstehen, die sie in den anderen großen Massenmörder dieser Zeit setzten. Ich meine allerdings, dass die nationalistischen Ukrainer aus Sicht heutiger Kenntnisse gut daran täten, sich einen anderen Nationalhelden zu suchen.

Wer jedoch die Ukrainer zu faschistischen Tätern stempelt und Russland zum antifaschistischen Retter, verkehrt die Tatsachen. Sowohl auf die Vergangenheit bezogen, wie auch auf die Gegenwart. Und wer für seine eigene Position die Äquidistanz zwischen Russland und der Ukraine sucht, sucht sie zwischen Verbrechern und Opfern. Dort, wo es keinen Mittelweg geben darf!

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Holodomor

http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-als-stalin-die-menschen-zu-kannibalen-machte-a-458006.html

http://www.holodomorct.org/history.html

Die hier genannte Liste von Büchern über Bandera und Holodomor, die in der Russischen Föderation verboten sind, ist um so bemerkenswerter, wenn man sie in Relation dazu setzt, dass „Mein Kampf“ 1992 vom russischen Index entfernt wurde: http://khpg.org.ua/en/index.php?id=1340879199

Gerade lese ich übrigens, dass Putin aktuell eine Polizeieinheit nach Felix Djerdjinski benannt hat. Damit qualifiziert er sich allerdings als besonders kompetent zur Kritik an der Banderaverehrung einiger Ukrainer: http://www.themoscowtimes.com/news/article/putin-renames-police-unit-after-bloody-secret-police-founder/507588.html

Nachgereicht

, Die Rolle der extremen Rechten in der ukrainischen Revolution:

https://www.academia.edu/8613130/Assessing_the_Role_and_Consequences_of_the_Far_Rights_Involvement_in_the_Ukrainian_Revolution

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