Die Mär von den gleichgeschalteten Westmedien

Es gibt ein hübsches kleines Filmchen über die Wahrheit. Es fasst viele philosophischen Ansichten humoristisch verkürzt zu der Aussage zusammen, dass Wahrheit immer nur relativ ist. Abhängig von kulturellem Verständnis, gesellschaftlichem Konsens, Betrachtungswinkel und mehr.

https://www.youtube.com/watch?v=1bf_uJmoTBU

Aber egal, wie wir den Ablauf eines Ereignisses nennen, Wirklichkeit, Realität oder Fakt, oder wie wir es betrachten, es kann nur auf genau eine Art abgelaufen sein. Die hundertprozentig richtige und vollständige Beschreibung dieser Realität wäre die absolute Wahrheit. Genau genommen gibt es sie also, die Wahrheit. Wir werden sie nur nie vollständig erfassen können. Weil wir immer nur eine mehr oder weniger große Menge an Daten über ein Ereignis kennen, aber nie alle. Die Wahrheit bleibt eine ideelle Größe, der wir uns nur unterschiedlich weit annähern können.

Eine Aussage kann also nie hundertprozentig wahr sein, weil sie immer nur eine Perspektive, nur einen Ausschnitt des Ereignisses beschreibt. Trotzdem gibt es die Wahrheit und man kann es folglich als berechtigt betrachten, verkürzend von Wahrheit zu reden, auch wenn man nur einen möglichst großen Näherungswert an sie meint. Logischerweise existieren dann aber mit unterschiedlichen Näherungswerten, die auf unterschiedlichen Daten basieren, mehrere „Wahrheiten“ und vor allem Wahrheiten sehr unterschiedlicher Qualität.

Aber je mehr Perspektiven man bemüht, desto näher kommt man der ideellen absoluten Wahrheit. Wenn man sieht, dass jemand in Uniform schießt, gibt es unendlich viele Interpretationsmöglichkeiten, solange man nicht weiß, warum, wann, wo, worauf, in welcher Uniform, mit welcher Waffe, etc. Andererseits kann man, auch von den strafrechtlichen Sanktionen abgesehen, heute niemand mehr ernst nehmen, der behauptet, dass in Auschwitz keine Juden ermordet wurden. Da gibt es so viele Betrachtungen aus so vielen Perspektiven, Prozesse, Zeugen, … dass man guten Gewissens von „Wahrheit“ reden kann. Genauso wird niemand ernsthaft behaupten wollen, die Titanic sei nicht untergegangen, oder habe keinen Eisberg gerammt.

Grundsätzlich kann man beobachten, dass diejenigen, die mit den wenigsten Daten aufwarten können, die durch übereinstimmende Zeugenaussagen, materielle Beweise oder belastbare Dokumente abgesichert sind, das Wort „Wahrheit“ am lautesten und häufigsten verwenden. Und am missbräuchlichsten. So, wie man beispielsweise auf einem Produkt, das im Vergleich zu Konkurrenzprodukten besonders wenig Butter enthält, besonders groß den Aufdruck „Mit viel guter Butter“ findet.

Gibt man beispielsweise bei Youtube den Begriff Wahrheit ein, bekommt man aktuell grob folgendes Ergebnis: Etwa 60 Prozent der Videos beschreiben den Westen, besonders die westlichen Medien, oder die Ukraine aus doktinärer russischer, Querfront- oder Truthersicht, weitere 20 Prozent betreiben nazistischen Revisionismus in Bezug auf das Dritte Reich und die restlichen 20 Prozent beschäftigen sich mit anderen Themen. Ähnlich verhielt es sich vor nicht langer Zeit mit Syrien. Gab man das Wort „Truth“ ein, bekam man fast ausschließlich Videos mit der russischen oder syrischen Sicht auf den Syrienkonflikt präsentiert. Gemeinhin erkennt man Propaganda daran, dass sie einem Antworten auf Fragen aufdrängt, die man selbst nie gestellt hat. Schon das macht diesen russischen Wahrheitseifer mehr als verdächtig.

Wenn allerdings ausgerechnet russische Medien oder die Unterstützer der Putinschen Politik den westlichen Medien gezielte politische Manipulation unterstellen, wird es schon lächerlich. Gerade der Vorsatz staatlich kontrollierter russischer Medien ist es, gezielt eine virtuelle völlig realitätsferne Wahrheit zu erzeugen, während das Interesse westlicher Medien zuerst in Auflagen und Einschaltquoten zu suchen ist. Sie haben natürlich auch Einfluss auf die Art der Berichterstattung. Aber der ist in erster Linie in der Befriedigung der Sensationsgier zu suchen. Sie erhöht die Quantität der Rezeption und bringt damit höhere Werbeeinnahmen. Das sollten gerade die Linken unter den Putinanhängern wissen, für die sonst der Kapitalismus die nahezu einzige Triebfeder und Erklärung aller Vorgänge ist, so wie es für Freud die Sexualität war. Natürlich haben Herausgeber und Redakteure politische Ansichten. Aber die sind in der deutschen Medienlandschaft weitestgehend links zu finden. Selbst der Springer-Verlag hat sich Stephan Aust in sein Haus geholt. Behauptungen von „Herrschaftsmedien“, Gleichschaltung, oder verschwörerischen Bilderbergerkonferenzen sind dümmlicher Ausdruck der gleichen antiwestlichen Propagandamärchen von einer angeblichen New World Order, die man auch schon bei Hitler als „amerikanisches Finanzjudentum“ kennt. Die Presselandschaft in Deutschland hat ein riesiges breit gestreutes Spektrum. Von der Jungen Welt und dem ND bis zur Jungen Freiheit und der Nationalzeitung. Leider haben sich allerdings der braune rechte und der rote linke Rand dank des Kremls eng verzahnt und dehnen sich von beiden Seiten Richtung Mitte aus. Wenn man eine Gleichschaltung sucht, wird man sie höchstens dort finden. Im Verschmelzen von rotem und braunem Faschismus.

Auch wenn man laufend von allen Seiten mit dieser Unterstellung bombardiert wird, die ganze angebliche Mediengleichschaltung und Manipulation im Westen ist ein Potemkinsches Dorf der russischen Propaganda, die die eigene Propagandastrategie in den Westen projiziert. Das, was als Beleg westlicher Medienmanipulation präsentiert wird, ist nichts weiter als die Unterstellung, dass dort über Dinge die Unwahrheit berichtet würde, wo der Bericht in Wirklichkeit exakt der Wahrheit entspricht. Ein Versuch dem „Westen“ eine Lüge als Wahrheit zu verkaufen, in dem man nicht eine Lüge erzählt, sondern behauptet, dass der, der die Wahrheit erzählt, lügt. Das ist doch etwas überzeugender, oder?

Bei Medien mit dem Anspruch der Seriosität gilt der Grundsatz, dass ein Ereignis mindestens aus drei voneinander unabhängigen Quellen berichtet worden sein muss, bevor es eine Meldung wird. All das gilt für russische Medien nicht einmal im entferntesten. Es gilt sogar genau das Gegenteil, wie Seiten wie Stopfake.org belegen. Trauriger Höhepunkt: Die Opfer des von Russland abgeschossenen MH-17-Flugs wurden vorgestern von einer russischen Zeitung als von ukrainischen Truppen zu Tode gefolterte Zivilisten präsentiert:

http://www.bbc.co.uk/…/russian-tv-uses-crash-pictures…

http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/ukraine/11133875/Facts-distorted-as-Moscow-claims-hundreds-of-bodies-discovered-in-Ukrainian-mass-graves.html
Ach ja, dass MH-17 von Russland abgeschossen wurde ist nicht die Wahrheit. Es ist nur zu 99,8 Prozent die Wahrheit!: https://criticusnixalsverdruss.wordpress.com/…/09/09/mh-17/

Vollends absurd wird es allerdings, wenn der Programmbeirat einer öffentlichen Rundfunkanstalt in das gleiche Horn stößt und von einseitig russlandfeindlicher Berichterstattung schreibt, obwohl viele Medienbeiträge der öffentlich-rechtlichen Sender eher wie eine Verlängerung russischer Propaganda wirken. Ein besonders krasses Beispiel ist die ZDF-Sendung „Die Anstalt“, die wie ein Propagandabeitrag des DDR-Fernsehens mit ein paar eingestreuten Witzchen wirkt: https://www.youtube.com/watch?v=ZuWlxfuhd8w#t=460

Eine Sendung über den Holodomor findet man dagegen überhaupt nicht im Programm der öffentlich-rechtlichen Anstalten in den letzten 6 Monaten.

Der ARD-Programmbeirat kam zu seinen absurden Erkenntnissen auf der Basis von 40 Sendungen, obwohl es in dem betrachteten Zeitraum etwa 200 in Frage kommende Sendungen gab, stellt unzweifelhafte, ausgiebig dokumentierte Tatsachen wie z.B.  den MH-17-Abschuss als hinterfragenswert dar und beruft sich ausdrücklich auf die Kritik von Zuschauern. Welche Zuschauer mögen da wohl gemeint sein? Die von Russland bezahlten Putintrolle, die man als dominierend aus allen Medienforen kennt, oder die von diesen Gehirngewaschenen? Ein PDSler der ersten Stunde als Mitglied allein erklärt dieses Urteil des Beirats jedenfalls nicht. Schon eher, wenn gegen diesen schon einmal wegen Kinderpornografie ermittelt wurde. Der vermutete Anlass könnte erpressbar machen. Auffällig viele russlandfreundliche Positionen gibt es allerdings insgesamt in den Medien genau wie in der SPD. Dass es nicht immer ein Aufsichtsratposten bei einer Gazprom-Tochter sein muss, sondern dass es auch zahlreiche andere Möglichkeiten gibt, Menschen unauffällig zu korrumpieren, um solches Verständnis zu erzeugen, sollte auch klar sein. Aber das ist jetzt eine Unterstellung meinerseits. Vielleicht ist die Wahrheit viel einfacher und schrecklicher: Putin hat die Mehrheit der Deutschen bereits erfolgreich in seinem Sinne manipuliert!

http://www.welt.de/politik/deutschland/article128985210/Deutsches-Meinungsbild-im-Visier-von-Putins-Agenten.html?fb_action_ids=336221163213383&fb_action_types=og.recommends&fb_ref=top.right

Nachgereicht:

In dieser Diskussionsrunde bei der ARD kam der Vorsitzende des Programmbeirats zu Wort. Für mich hat er jeden Zweifel über seine politische Ausrichtung ausgeräumt. Er vertritt dort die Auffassung, dass kein russisches Militär auf der Krim nachgewiesen wurde und dass prorussische Trolle in den Medien, über die fast alle europäischen Zeitungen ausführlich berichtet haben und die Hörstel offen in Facebook rekrutiert, eine Verschwörungtheorie sind.

http://www.ardmediathek.de/tv/ARD-Sondersendung/Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis-Podiumsd/Das-Erste/Video?documentId=24247914&bcastId=3304234

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Ein Gedanke zu „Die Mär von den gleichgeschalteten Westmedien

  1. Der aktuelle Wahrheitsbegriff arbeitet meines Wissens mit drei Kriterien: Korrespondenz, Kohärenz und Konsens.

    Korrespondenz: Ich darf also nicht behaupten, der Mond wäre aus Schweizerkäse, während alle Gesteinsproben das Gegenteil belegen. Oder ich darf nicht sagen, der Krieg in der Ukraine würde von EUSA-Truppen geführt, wo nie jemand solche Kampftruppen je dort sah.

    Kohärenz: Ich darf nicht im Nachsatz etwas mit dem Arsch umreißen, was ich im Vorsatz behauptete: So kann ich nicht Russland als friedliebenden Staat bezeichnen, wenn ich im nächsten Satz den Einsatz russischer Kampftruppen im Donbas gutheiße.

    Konsens: Ich sollte mich im Einklang mit akzeptierten ‚Weltbildern‘ befinden. So kann ich nicht einfach behaupten, Nordkorea wäre eine Demokratie, weil ich damit ziemlich allein in der Landschaft herumstünde, selbst wenn dort ‚Wahlen‘ per Akklamation stattfinden.

    Obwohl natürlich dieses Konsens-Kriterium das weitgeöffnete Einfallstor für alle ‚Truther‘ ist. Unbekümmert um die beiden anderen Kritierien wähnen sie sich im Besitz der Wahrheit, weil ihre zumeist klitzekleine Clique das ähnlich wie sie sieht, weil dort also ‚Konsens‘ herrscht.

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