Spielt es denn eine Rolle?

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Wer ist der schlimmere Verbrecher? Hitler? Stalin? Darf man Putin mit ihnen vergleichen? Ich glaube, ich habe auch irgendwo das Klischee weitergegeben, dass Hitler in industriellen Dimensionen gemordet hat, Stalin dafür mehr Menschen. Wie ich inzwischen gelesen habe, bestreitet Timothy Snider das. Die Opferzahl Stalins sei geringer als die Hitlers. Ein sehr lesenswerter Aufsatz! Sicherlich hat trotzdem Mao noch mehr Menschen auf den Gewissen und Putin reicht trotz seiner Mit- oder Hauptverantwortung für den Tod Hunderttausender in Syrien und Tschetschenien nicht im entferntesten an ihre Opferzahlen.

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Aber sie alle sind nur Verführer und Anstifter. Es streitet sich trefflich über diese entsetzlichen Rekorde, oder es schweigt sich auch trefflich über sie, angeblich um nicht zu relativieren, beides meist gleichermaßen in der Absicht von einigen dieser Rekorde abzulenken. Vor allem lenkt es aber von den unmittelbaren Tätern ab, dem Volk! Und an dessen Naivität und Verführbarkeit hat sich trotz all der Leiden, trotz Informationszeitalter, trotz tausenden von Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten, trotz tausender Prozesse und Sonntagsreden, trotz tausender Gedenkstätten und Veranstaltungen nichts geändert. Weder in Russland noch in Deutschland will man die Parallelen erkennen.

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Dabei passiert zur Zeit exakt das Gleiche, was vor 75 Jahren passierte. Es sind die gleichen kleinen Kriminellen und zu kurz Gekommenen, die ihren Menschenhass und ihren Sadismus ungestraft austoben dürfen, weil jemand sie braucht und dazu legitimiert. Es ist die gleiche Idealisierung niedrigster Instinkte. Es ist das gleiche Verschwinden von unbequemen Menschen in Lagern oder Gräbern. Es sind die gleichen flüchtenden oder mundtot gemachten Intellektuellen. Es ist das gleiche Ausbluten eines Staates, sein Verlust an Kreativen, an Denkern, an Humanisten, an Humankapital wie auch an ökonomischem Kapital. Es sind die gleichen verschreckten, bisher gesetzestreuen Bürger, die wegsehen oder sich dumm stellen, weil sie ahnen, dass sie diese Verbrechen mitverantworten. Es sind die gleichen skrupellosen Mitläufer und Nutznießer der Situation. Es sind die gleichen Menschen, die statt eines Charakters ein Stück Stoff aus dem Fenster hängen. Es sind die gleiche Gesellschaft und die gleichen Täter, die auf platte Propaganda hereinfallen und glauben, für das Wohle ihres Landes zu morden oder zu sterben, obwohl sie in Wirklichkeit nur die Bauern in einem fürchterlichen letalen Spiel sind, in dem es ausschließlich um die Macht und das Wohlergehen eines Herrschers im Kreml und seiner Günstlinge geht. Genau so wie es schon einmal um die Macht eines Herrschers im Kreml ging und um die Macht und das Wohlergehen eines Herrschers in der Berliner Reichskanzlei und seiner Günstlinge in Deutschland.

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Wieder wird sich Europa nachhaltig verändern. Auch die Grenzen. Aber vor allem werden sich erneut Angst und Hass nicht mehr aus den Gehirnen einer Generation entfernen lassen. Und auch das verantworten alle mit, die jetzt wegschauen, und sich dabei einreden, dass das den Krieg eindämmt.

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Nein, wir haben es schon einmal durchgenommen in der Deutschstunde: Wer wegsieht und die Klappe hält verhindert keinen Krieg. Er macht ihn erst möglich. Wenn jemand angesichts einer desolaten Wirtschaft, die durch Sanktionen beschleunigt an den Rand des Kollapses gebracht wird, weiter ständig wachsende Militärausgaben plant und eine aggressive Außenpolitik verfolgt, die die Sanktionen weiter verschärfen wird, kann er nur mit Gewinnen kalkulieren, die er sich aus einem Krieg erhofft. Andernfalls würde er das Land in Kürze zu Tode rüsten. Zurück gibt es keinen Weg für ihn. Putin will nicht bluffen, er will Krieg.

 

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Ein Gedanke zu „Spielt es denn eine Rolle?

  1. Ein Kommentar zur aktuellen „Menschen“-Rechts-Situation in vielen Köpfen so richtig nach meinem Herzen!
    Der kleine Schweinehund in den vielen Mächtegerne-Seelen, dieser wieder erkennbare Hang zur „vorauseilenden Pflichterfüllung“.
    Machohaftes Stammtischgejohle, ab und an akademisch aufgeputzte
    Männlichkeit unter Entbehrung jeglichen Hirns.
    Aber vielleicht bin ich ja „nur aus der Zeit gefallen“, was immer besser ist, als wenn mir das Hirn rausgefallen wäre!

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