Nein, ich hasse die Russen nicht, …

… aber Putin spielt im Moment virtuos und mit großem Erfolg auf der Erinnerungsklaviatur der Deutschen. Die Lieblingstöne, die er dabei anschlägt, sind die Dankbarkeit der Deutschen für die Einheit und das schlechte Gewissen der Deutschen wegen des Überfalls auf die Sowjetunion. Er sollte vorsichtig sein, mit dieser Klaviatur, denn sie enthält auch noch andere Töne. Einige persönliche Töne, die er bei mir angeschlagen hat und die schon nahezu im Wunsch nach Harmonie und Völkerverständigung untergegangen waren, sind nicht die wohlklingensten Töne.

Zum Beispiel fällt mir ein, dass eine Freundin kurz nach der Wende an der Spielfilmproduktion eines baltisch-russischen Drehbuchautors über die Verstrickung von Wendehälsen, russischem Militär und russischer Mafia mitarbeitete. Von behördlicher deutscher Seite wurden der Produktion alle erdenklichen Steine in den Weg geworfen. Sie verbrachte sogar mit Kollegen eine Nacht in einem russischen Militärgefängnis, weil sie auf einem nach Angaben der deutschen Behörden schon rückübereigneten russischem Manövergelände unterwegs war, was keineswegs rückübereignet war.

Mir fallen Bilder ein, auf denen in der Berliner Politik hochangesehene Anwälte auf Fotos von einer Party der Berliner Russenmafia unkenntlich gemacht wurden.

Mir fallen auch Bilder ein, von der Verladung deutscher Autos in die Militärmaschinen abziehender russischer Truppen und von diesen Autos noch mit Berliner oder Pinneberger Kennzeichen in Moskauer Autogeschäften.

Aber vor allem fällt mir auch ein, wie mit obigem Denkmal eines polnischen Künstlers von russischer und offizieller polnischer Seite umgegangen wurde. Einem Denkmal, das auch stellvertretend für meine eigene Mutter und eine Reihe weiblicher Verwandten steht, die den russischen Einmarsch in Berlin erlebten. Ich hätte also allen Grund, DIE Russen zu hassen. Ich habe es aber nicht getan, und ich tue es nicht. Ich habe als Student einige Jahre mit Russen zusammenlebt und und nur positiver Erfahrungen und Erlebnisse mit ihnen gehabt. Wir sind gemeinsam auf dem Wannsee gesegelt und haben viele feuchtfröhliche Parties zusammen gefeiert. Ich habe nach der Wende nur positive Erfahrungen mit einzelnen russischen Soldaten in Ostberlin und Potsdam gemacht. Und ich habe in Berlin lebende russischstämmige Kollegen, die ich sehr schätze und denen ich es nicht übelnehme, wenn sie sich unter den aktuellen Umständen bedeckt halten und nicht so mutig wie Wladimir Kaminer öffentlich klar Stellung beziehen. Und ich entnehme vielen Berichten, zum Beispiel über die Soldatenmütter in Russland, oder über die, die meist sofort festgenommen werden, wenn sie in Moskau nur ein kleines Schild „No War“ hochhalten, dass es „den anderen Russen“ gibt, so wie es in den 30er und vierziger Jahren „den anderen Deutschen“ gab.

Aber was soll ich mit Putin und seinen Unterstützern in der Politik und im Volk tun? Soll ich sie lieben? Soll ich Menschen lieben, die Imperialismus, Machismo, und das Recht des Stärkeren für Zeichen nationaler Größe halten? Das hatten wir schon einmal in unserer eigenen Geschichte. Soll ich Faschisten lieben?!

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