Das Märchen vom König, der verrückt wurde.

Wie es in Märchen häufig so ist, reicht die Geschichte vor der Geschichte bis weit zurück in graue Vorzeit. Weit, weit über hundert Jahre. Mindestens so lange schon machte ein Volk auf der anderen Seite des Sees unserem etwas klein geratenen König das Leben schwer. Das Volk dort, so munkelte man, wurde nicht von einem König regiert, sondern regierte sich selbst. Eine gefährliche Ungeheuerlichkeit. So war unser König froh, dass es noch einige andere Stämme vor dem großen See gab und dieses gefährliche Volk weit weg war. Zu seinem großen Kummer hatte es aber der Wunsch selbst zu regieren über den großen See geschafft und auch einige Stämme diesseits des Sees hatten angefangen sich selbst zu regieren. Einigen Stämmen, die einst zum Königreich unseres Königs gehört hatten, hatte der vorige König die Freiheit geschenkt. Er hatte ihnen sogar erlaubt, sich selbst zu regieren, wenn sie ausreichend Tribut an den König entrichteten und in wichtigen Fragen seine Erlaubnis einholten. Da unser König, der inzwischen regierte, aber den Tribut ständig erhöhte und ihnen immer weniger erlaubte, hatten sie angefangen, ihn manchmal nicht mehr um Erlaubnis zu fragen. Und sie wollten mehr Handel mit den freien selbstregierten Stämmen treiben als mit dem Königreich unseres Königs. Das ärgerte den König sehr. Mal verteuerte er die Waren aus seinem Reich, mal verweigerte er sie ihnen, oder er schickte seine Ritter um irgendeinen Tribut einzutreiben, von dem man gar nicht genau wusste, welchen Anspruch er darauf hatte. Die Stämme wussten sich nicht anders zu helfen, als hohe Dornenhecken um ihr Land zu bauen und tiefe Gräben mit angespitzten Pfählen darin. Und sie begannen selbst Ritter auszubilden. Das ärgerte unseren König noch mehr. Er schrie und tobte, je weiter die Hecken und Gräben an sein Königreich heranwuchsen, rekrutierte noch mehr eigene Ritter und schickte sie aus, die Dornenhecken abzuschlagen und niederzubrennen. Er schimpfte die Stämme Kriegstreiber weil er glaubte, sie wollten ihn angreifen. Besonders aber schimpfte er auf das Volk hinter dem See, dass den Gedanken vom Selbstregieren böswillig so dicht an sein Reich getragen hatte. Er stellte immer größere Schleudern auf, die bis über den See reichten. Als auch das nichts half und immer mehr Stämme um ihn herum aus Angst vor ihm immer tiefere Gräben und immer höhere Hecken anlegte, verfiel er auf eine List. Er schickte Boten zu diesen Stämmen, die einigen von ihnen einredeten, dass sie eigentlich schon seit Menschengedenken immer zum Königreich unseres Königs gehört hätten und dass sie wie im Schlaraffenland leben würden, wenn sie sich wieder dem Königreich anschließen würden. Er schürte ihren Hass gegen ihren eigenen Stamm und alle selbstregierten Stämme und Völker. Besonders das hinter dem großen See. Als ein paar von ihnen öffentlich zu murren anfingen, stellten sich einige Ritter des Königs an ihre Spitze und verlangten wieder zum Königreich zu gehören. Bald fingen sie an, sich das zu nehmen, was sie wollten. Zusammen zogen sie eine blutige Spur durch das Land, erschlugen die, die sich weiter selbst regieren wollten und je mehr die selbstregierten Stämme sich gegen sie wehrten, desto mehr Ritter schickte der König. Er stellte mehr und mehr große Schleudern auf. Gegen das Volk hinter dem See, aber auch gegen alle anderen selbstregierten Stämme diesseits des Sees. Die Stämme sagten dem König immer wieder, dass sie sich nur selbst regieren, aber mit ihm in Frieden leben wollten, aber der König steigerte sich immer mehr in seine Wut. Bald sah er in jeder Rose eine Bedrohung. Ihre Stacheln mussten ein Angriff auf ihn sein. Er ließ alle Hecken im eigenen Reich niederbrennen. Er steckte jeden in den Turm, der mit einem Rosenstrauß erwischt wurde und jedem der von Selbstregierung sprach, wurde der Kopf abgeschlagen. Einmal belauschte er ein Gespräch seiner Untertanen, die sich über seine Ritter unterhielten, die mordend und plündernd durch die Lande zogen. Er glaubte sofort, sie sprächen über die Ritter der selbstregierten Stämme und wurde noch wütender. Er ließ alle Untergebenen in seinen Thronsaal rufen und forderte sie auf, die selbstregierten Stämme ohne jede Schonung zu bekämpfen. Es sollte keiner von ihnen davonkommen. Schon bald wollte kein selbstregierter Stamm mehr Handel mit seinem Königreich treiben und seine Schatzkammer wurde leerer und leerer. Seine Ritter wollten nicht mehr kämpfen, seine Untertanen begannen zu tuscheln, wer ihn ersetzen könnte und immer mehr Menschen bekamen Angst vor ihm. Aber der König war wie von Sinnen. Er wollte sein Königreich immer weiter vergrößern, damit so weit sein Auge reichte und seine Kutsche fahren konnte, keine feindlich gesinnten Menschen mehr zu finden waren, keine Dornenhecken, keine Rose und niemand der von Selbstregierung träumte. …

Fortsetzung folgt.

 

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