Die schwarze Propaganda

schwarzHering

© Wladimir Jakowlew

Mich würde interessieren, ob ich gerade das Staatsgeheimnis verplappere. Ich kann mich doch an das Lehrbuch mit dem verschmierten blauen Stempel der Spezialabteilung und die Notizhefte mit den gebundenen und durchnummerierten Seiten, die zur Sicherheit noch mit den mit Wachs bearbeiteten Fäden zusammengenäht wurden.

Streng geheim.

Ich habe an der Fakultät für Journalistik der Moskauer Staatsuniversität studiert. Wir hatten den Lehrstuhl für Militärwissenschaften. In äußerster Geheimhaltung hat man uns die spezielle Kampfpropaganda unterrichtet – die Kunst, in den Reihen des Feindes Unfrieden zu stiften. Mit Hilfe der Desinformation und der Manipulation des Bewusstseins.

Schreckliche Sache, muss ich euch sagen. Ohne Witz.

Die Kampfpropaganda – oder die „Schwarz“-Propaganda erlaubt jegliche Verdrehung realer Tatsachen, mit dem Ziel, die propagandistischen Aufgaben zu erfüllen. Das ist eine effektive Waffe, die mit dem einzigen Ziel eingesetzt wird – den Verstand des Feindes hinauszujagen.

Die Methode des verrotteten Herings. Die Methode der umgekippten Pyramide. Die Methode der großen Lüge. Das Prinzip 40 zu 60. Die Methode der absoluten Offensichtlichkeit.

Alle diesen Methoden kennt ihr auch. Ihr nehmt sie einfach nicht wahr. So wie es von euch erwartet wird.

Man hat uns gelehrt, die Methoden der speziellen Kampfpropaganda gegen die Soldaten des Feindes anzuwenden. Heute werden sie gegen die friedliche Bevölkerung unseres eigenen Staates angewendet. Bereits seit zwei Jahren, während ich russische Zeitungen lese oder mir die Fernsehshows anschaue, stelle ich mit Interesse fest, dass die Leute, die den Einwurf und die Interpretierung der Nachrichten koordinieren, offensichtlich dasselbe Lehrbuch für ihre Ausbildung benutzt haben und waren bei demselben fröhlichen Oberst oder bei seinen Kollegen im Unterricht.

Zum Beispiel die Methode des verrotteten Herings. Sie funktioniert so. Man findet eine unwahre Beschuldigung. Hauptsache, sie muss maximal schmutzig und skandalös sein. Gut funktionieren, zum Beispiel, geringfügiger Diebstahl oder, sagen wir mal, Kindesmissbrauch, oder ein Mord; am besten aus Gier.

Das Ziel des „Verrotteten Herings“ besteht nicht darin, die Beschuldigung zu beweisen. Sondern darin, eine breite Erörterung, eine Diskussion darüber in den Massen anzuregen. Diskussion über Ungerechtigkeit und Unrechtfertigkeit.

Die menschliche Psyche ist so konzipiert, dass sobald die Beschuldigung zu einem Gegenstand der breiten Diskussion wird, unweigerlich erscheinen die „Unterstützer“ und die „Gegner“, die „Kenner“ und die „Experten“, überdrehte „Beschuldiger“ und laute „Beschützer“ des Beschuldigten.

Aber ohne Rücksicht auf die Einstellung der einzelnen Diskutanten, wird der Name des Beschuldigten immer und immer wieder wiederholt, somit wird der „verrottete Hering“ immer stärker in die „Bekleidung“ des Beschuldigten eingerieben, bis der „Geruch“ ihn überall verfolgt. Und die Frage „getötet-gestohlen-missbraucht oder doch nicht“ wird zur Hauptfrage bei jeder Erwähnung dieser Person.

Oder zum Beispiel die Methode 40 zu 60, die noch von Joseph Goebbels entwickelt wurde. Sie besteht darin, ein Informationsmedium zu gründen, das 60 Prozent der eigenen Informationen auf der Linie des Feindes hält. Dafür, wenn das Vertrauen des Publikums geschaffen war, hat man die restlichen 40 Prozent für die effektivste Propaganda verwendet – eben weil das Vertrauen vorhanden war. Während des zweiten Weltkriegs existierte ein Radiosender, der in der antifaschistischen Welt sehr populär war. Man hat angenommen, es wäre ein britischer Sender. Und nur nach dem Krieg wurde bekannt, dass das in Wirklichkeit ein Unternehmen von Goebbels war, das nach dem Prinzip 40 zu 60 funktionierte.

Äußerst effektiv ist auch die Methode der „großen Lüge“ – die, obwohl sie etwas der Methode des „verrotteten Herings“ ähnelt, etwas anders funktioniert. Sie besteht darin, mit maximaler Stufe der Überzeugung dem Auditorium eine so schreckliche und globale Lüge zu präsentieren, dass man kaum glauben kann, dass man darüber lügen kann.

Der Trick besteht darin, dass eine richtig „komponierte“ und gut ausgedachte „große Lüge“ beim Zuhörer oder beim Zuschauer ein tiefes emotionales Trauma auslöst, das dann für die lange Zeit die Sicht des Individuums bestimmt. Ohne Rücksicht auf die Argumente der Logik und der Vernunft. Ja sogar trotz der logischen und vernünftigen Argumentation.

Besonders gut funktionieren in diesem Sinne unwahre Beschreibungen der grausamen Quälerei der Kinder oder Frauen.

Zum Beispiel, die Nachricht über das gekreuzigte Kind, weil sie dieses tiefe emotionale Trauma hervorruft, wird auf lange Zeit die Sicht des Menschen bestimmen, der diese Information bekommen hat. Egal, wie man versuchen würde, diesen Menschen mit logischen Argumenten zu überzeugen.

Aber insbesondere hat unser fröhlicher Oberst die Methode der „absoluten Offensichtlichkeit“ gemocht, die zwar keine schnellen, dafür die zuverlässigen Ergebnisse liefert.

Statt zu beweisen, sie präsentieren etwas, wovon sie das Auditorium überzeugen möchten, als eine Selbstverständlichkeit, die ohne Wenn und Aber durch die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung bereits akzeptiert wird.

Obwohl die Methode sehr einfach zu sein scheint, ist sie unglaublich effektiv: die menschliche Psyche reagiert automatisch auf die Ansicht der großen Mehrheit, indem sich das Individuum dieser Mehrheit anschließt.

Man muss nur daran denken, dass die Mehrheit unbedingt überwältigend sein muss und dass die Unterstützung als absolut und bedingungslos präsentiert wird – sonst entsteht kein Effekt des Mitlaufens des Einzelnen.

Wenn jedoch diese Bedingungen erfüllt sind, dann beginnt die Anzahl der Vertreter der „Position der Mehrheit“ langsam, aber sicher wachsen. Und im Laufe der Zeit wächst sie in geometrischer Progression – vor Allem durch die Vertreter der niedrigeren Schicht der Bevölkerung – sie sind vor allem anfällig für den „Effekt des Mitlaufens“. Eines der klassischen Verfahren der Unterstützung der „absoluten Offensichtlichkeit“ ist zum Beispiel die Publikation der Ergebnisse der Umfragen, die die absolute Einheit der Bevölkerung demonstrieren. Die Methoden der „schwarzen“ Propaganda erfordern natürlich nicht, dass die Ergebnisse dieser Umfragen irgendwelche Beziehung zur Realität haben.

Ich kann fortfahren. Man hat uns ein ganzes Jahr unterrichtet; die Liste der Methoden ist ziemlich groß. Jedoch ist nicht das wichtig, sondern etwas anderes. Die Methoden der „schwarzen“ Propaganda wirken auf die Zielgruppe auf dem Level der tiefen psychologischen Mechanismen in der Weise, dass es nicht möglich ist, diese Wirkung mit logischen Begründungen aufzuheben. „Die große Lüge“ erreicht diesen Effekt mit Hilfe des emotionalen Traumas. „Die Methode der Offensichtlichkeit“ – durch den Effekt des Mitlaufens. „Der verrottete Hering“ – durch die Einarbeitung der direkten Assoziation des Opfers mit der schmutzigen skandalösen Beschuldigungen in die Zielgruppe.

Einfacher ausgedrückt, die Kampfpropaganda verwandelt den Menschen in einen Zombie, der nicht nur die in seinen Verstand implementierten Setups proaktiv unterstützt, sondern auch mit hoher Aggressivität denjenigen widerspricht, die andere Ansichten vertreten oder ihn vom Gegenteil zu überzeugen versuchen. Anders kann es auch nicht sein. Alle Methoden der Kampfpropaganda sind einem einzigen Ziel gewidmet: die Armee des Gegners zu schwächen, indem man in die Reihen dieser Armee den gegenseitigen Hass und das gegenseitige Misstrauen säht.

Und heute werden diese Methoden gegen uns angewendet. Und das Ergebnis, zu dem sie führen, ist genau das angestrebte. Nur der gegenseitiger Hass und das gegenseitige Misstrauen entstehen nicht in der gegnerischen Armee, sondern in unseren Familien.

Geht einfach raus und beobachtet, wie sich das Land in den letzten drei Jahren verändert hat. Ich habe das Gefühl, die spezielle Kampfpropaganda gegen die eigene Bevölkerung sogar einen besseren Effekt erzielen konnte. Vielleicht deswegen, dass im Gegensatz zur echten Armee, die friedliche Bevölkerung nicht in der Lage ist, sich selber zu schützen.

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