Nachtrag zum Tag der Einheit

Tut mir leid, ich feiere nicht. Ich gestehe es, ich gehöre mit zu denen, die Kohl ausgepfiffen haben auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses. Weil er sich den Sieg der zum Glück friedlichen Revolution an seine Fahnen geheftet hat. Ich hatte der Bürgerrechtsbewegung in der DDR viel Erfolg gewünscht und habe mich für die DDR-Bürger gefreut als die Mauer fiel. Aber ich habe mir nicht die Einheit gewünscht. Zumindest nicht so schnell. Und ich weiß, warum ich das sage. Ich habe meine langjährige Lebensgefährtin wenige Wochen später auf einer privaten Silvesterfeier von Ostberlinern und Westberlinern in Ostberlin kennengelernt. Im April 90 bin ich nach Ostberlin gezogen und habe 10 Jahre dort gelebt. Ich stand zufällig neben Gysi, als er in einer kalten Nacht vor dem ZK zum Nachfolger von Krenz erkoren wurde, kenne Stasiopfer und Stasitäter persönlich und wurde als Wessi bei meiner Tätigkeit im Osten genauso herablassend behandelt wie meine Lebensgefährtin im Westen. Ich habe eine ganze Reihe Freunde im Ostteil dazubekommen, aber ich habe auch erlebt, wie die Elbogen im Ostteil immer spitzer wurden, auch krimineller, weil man nicht gleich den Wohlstand der Wessis bekam. Ich kenne das „gutbürgerliche“ Millieu der Kids, die sich die ganze Nacht lang vor der Kiste Wrestling reingezogen haben, während der Vater oder die Oma daneben sich die Birne mit Braunem zugekippt haben, weil sie die plötzliche Konfrontation mit 40 Jahren Selbstbetrug von einem blühenden Sozialismus nicht verkraftet haben. Abends zogen die Kids los um vietnamesische Zigarettenhändler an der Kaufhalle „abzuziehen“. Meine Bilanz des Zusammenwachsens ist sehr durchwachsen. Aber auf keinen Fall ein Grund zu euphorischer Freude, besonders wenn ich den braunen Dreck sehe, der jetzt in Deutschland wieder Oberwasser bekommt. Aufgewachsen in den von autoritätsgläubigen Stasieltern bewohnten blümchentapezierten Ruinen von Städten wie Bautzen, das ich recht gut kennengelernt habe. Für solches Gesindel wünschte ich mir die Mauer zurück!

Nur weil jemand keine Arbeit hat, weniger verdient als andere, oder Angst vor Flüchtlingen hat, die ganz überwiegend selbst nichts sehnlicher wollen als Frieden, hat er keinerlei Recht darauf, Asylanten anzugreifen, ihre Heime anzustecken oder im Internet zu Gewalt gegen sie aufzuhetzen. Es wird gerade eine Schwelle in Deutschland überschritten, die Rechtsbruch hoffähig macht, akzeptabel für eine breite Masse. Das hatten wir schon einmal in der deutschen Geschichte. Das und warum das so war, bekommt jeder in der Schule ausführlich beigebracht, wenn er sich nicht die Ohren zuhält. Meine Mutter hat alles erleben müssen, was ein junges Mädchen 1945 in Berlin erleben musste, die Erstürmung der „Reichshauptstadt“ durch die Russen, Vergewaltigungen, Hunger, Trümmerfrau, Berlinblockade, … Ich selbst bin in Westberliner Ruinen aufgewachsen und habe den Mauerbau als Kind erlebt. Vor 30-40 Jahren habe ich mich noch mit Nazis geprügelt, denen wir all das zu verdanken hatten, heute bin ich zu alt dafür. Aber wer Gewalt gegen andere, unschuldige Menschen zum Teil seiner Weltanschauung macht, mit dem muss man nicht 70 Jahre nach dem seine Gesinnungsgenossen Millionen Menschen vergast haben immer noch geduldig diskutieren. Sondern ihn nur in den Hintern treten. Es gibt kein Recht auf Dummheit wegen später Geburt. Die Geschichtsbücher, die Museen und das Internet sind voller Beschreibungen und Zeugnisse der Naziverbrechen. Deshalb: Null Toleranz für Nazis! Egal, ob sie rötlich, monarchistisch, russisch oder sonstwie eingefärbt sind. Wie auch immer die Verpackung aussieht, der Kern ist immer der gleiche: aggressiver Nationalismus, Rassismus, Intoleranz und Menschenverachtung. Und ein prekärer sozialer Background macht einiges verständlich, aber es kann und darf nie Rechtfertigung sein! Sonst öffnen wir alle Tore und Schleusen zu einer Wiederholung des entsetzlichsten Teils der deutschen Geschichte.

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