Geschichte wird gemacht

Die "Zar"-Bombe

Putin in seiner Valdai-Rede 2014: … „Sicher, viele der Mechanismen, die der Weltordnung zugrunde liegen, sind vor schon ziemlich langer Zeit entstanden, einschließlich – und vor allem – als Resultat des Zweiten Weltkriegs. Die Stabilität dieses Systems gründete übrigens nicht nur auf einer Kräftebalance, und das möchte ich auch unterstreichen, nicht nur auf dem Recht der Sieger, sondern auch darauf, dass die “Gründerväter” dieses Sicherheitssystems einander in Achtung begegneten, und nicht versucht haben, sich alles einzuverleiben, sondern miteinander geredet haben.“ …
(
http://www.chartophylakeion.de/…/putin-beim-waldai…/…)

 

„Grund dafür (die Zündung der russischen Zar-Bombe entgegen dem Atomwaffen-Moratorium) war eine historische Begegnung zwischen Chruschtschow und dem US-Präsidenten John F. Kennedy wenige Wochen zuvor. Am 3. Juni 1961 hatten sich die beiden mächtigsten Männer der Welt im Musikzimmer der US-Botschaft in Wien getroffen. Wie Kennedy später berichtete, lief der für sein aufbrausendes Benehmen berüchtigte Kreml-Chef sofort „Amok“ und stellte erneut sein Berlin-Ultimatum, das er 1958 erstmals formuliert hatte. Die Westmächte sollten aus der von den Alliierten geteilten Stadt abziehen, um „eine normale Lage in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik zu schaffen“. Als der US-Präsident ablehnte, drohte Chruschtschow: „Wir wollen keinen Krieg, wenn Sie ihn uns aber aufzwingen, wird es einen geben.““
(
http://www.spiegel.de/…/50-jahre-zar-bombe-die-alles…)

 

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Wie ich als Linker lerne, Russland zu hassen.

Um es einmal klar zu sagen: Ich habe gegen Bush demonstriert. Heftig, im Internet, auch mit eigener Homepage, wie auf der Straße. Weil ich trotz der Millionen Landsleute, die Saddam auf dem Gewissen hatte, eine „Verschlimmbesserung“ befürchtet habe und die Rache für 9/11 und die Ölinteressen für jeden erkennbar im Vordergrund standen. Und ich habe gegen die Nato-Nachrüstung protestiert. Weil sie uns nach meiner Ansicht ohne Not zusätzlich gefährdet hat.

In meinen Augen ist die Situation heute allerdings wesentlich gefährlicher als während des sogenannten kalten Krieges. Zumindest als in den 70er und 80er Jahren. Als wir damals gegen Atomraketen demonstrierten, waren beide Systeme, Demokratien und Kommunismus festgefahren in ihren Ideologien und vor allem in ihrer Abschreckung. Die Drohungen wurden zeremoniell regelmäßig ausgestoßen, aber ohne wirkliche Ambitionen etwas Gravierendes am Machtgefüge zu ändern. Keine Seite wollte der anderen mehr eine Handbreit Boden zugestehen, aber beide Seiten gestanden sich die Einmischung in die Politik in ihrer jeweiligen Interessensphäre zu und keiner wollte ernsthaft das andere System umstürzen oder den Staat angreifen.

Seit Gorbatschow und Reagan ist viel passiert. Wir können auf ein dichter gewordenes Netz internationaler Gesetze und Vereinbarungen zurückblicken. Der Anspruch und die Bereitschaft internationale Konflikte durch UN-Mediation und Verhandlungen zu lösen, schien wesentlich größer geworden zu sein. Viele Staaten haben sich emanzipiert von der Bevormundung durch die Großmächte. Sie sind demokratischer geworden. Und wo das passierte hat sich die Wirtschaft verändert. Es gibt zwar nach wie vor große Abhängigkeiten, aber diesen Staaten geht es besser als vorher. Das gilt für alle Kontinente. Besonders für mittel- und südamerikanische Staaten, die sich von ihren amerikanisch unterstützten Militärregierungen befreit haben, genauso wie für die ehemaligen sowjetisch beherrschten Staaten. Mit einem klaren Unterschied. Die sich EU und Nato zugewandt haben, haben sich besser und schneller entwickelt, als die, die im Einflussbereich russischer Abhängigkeit, Korruption und Mafiastrukturen geblieben sind.

Russland, das den Sprung nicht geschafft hat, von einem reinen Rohstoff- und Waffenexporteur zu einem modernen Wissenschafts- Technologie- und Wirtschaftsstandort fühlt sich dadurch genauso bedroht, wie die islamischen Regionen, die sich nicht entspannt auf ihren Ölreserven zurücklehnen können. Ohne wirtschaftliche Konsolidierung muss die russische Regierung, konkret der Dauerherrscher Putin, soziale Unruhen fürchten und damit seinen Machtverlust. Und dabei treffen zwei unheilvolle Umstände zusammen. Ein Mensch, der als jugendlicher Rüpel durch die KGB-Schule ging, wo er zusätzlich lernte und darin bestärkt wurde zu täuschen, zu tricksen und Gesetze und die moralische menschliche Grundausstattung zu umgehen und ein Staat, der zumindest seit der Zarenzeit nie ein Rechtsstaat war und nie eine wirkliche Demokratie und der sein Selbstbewusstsein nicht aus Fortschritt, sondern aus einem fortbestehenden chauvinistischen Traum von einem großen vaterländischen Reich bezieht. Dem wiederum das Abbröckeln an den Rändern hin zu wirtschaftlich erfolgreicheren Demokratien, diametral entgegen steht. Und das ist, was die staatliche Seite betrifft, genau die gleiche überkritische Masse, die bei Adolf Hitler zusammentraf. Wirtschaftlicher Rückstand, Einflusssphären- und Territorialverluste und Flucht in einen völkischen Nationalismus. Das machte sich Hitler für seinen Machtgewinn zunutze und das macht sich jetzt Putin für seinen Machtgewinn zunutze. Beide damit, dass sie niederste Instinkte schüren. Hitler zunächst auch gegen die Westmächte, später gegen Juden und Bolschewisten, Putin gegen angebliche Nazis in USA, Nato und Ukraine. Wenn er nicht selbst dahintersteckt, duldet er es zumindest, dass die Propaganda sich dabei auch gegen die von den Nazis amerikanisches Finanzjudentum genannte heute sogenannte Neue Weltordnung von Zionisten in Politik und Wirtschaft richtet. Auf jeden Fall bekommen Institutionen, die diese Propaganda verbreiten, nachweislich russische Regierungsgelder. Und Putins Hasspropaganda zeigt Wirkung. In Syrien und in der Ukraine mörderische Wirkung!

Bei mir allerdings nicht in der von ihm gewünschten Weise. Ich erkenne weder in der Ukraine noch in Europa oder den USA Nazis. Von ein paar relativ machtlosen Dummköpfen abgesehen. Ich erkenne dort einen gefährlichen Faschismus, wo jemand über Leichen geht und niederste Instinkte instrumentalisiert, um seine Macht zu festigen und zu erhalten. Jemand, der über das weltweit größte Atomwaffenarsenal verfügt. Und vor allem, wo jemand anfängt, alle internationale Regeln über den Haufen zu werfen und Grenzen mit Gewalt zu verändern. Wo er nicht interveniert um Terrorregime oder Aggressoren zu stürzen, sondern schlicht um sich Territorium anzueignen.

Und ich gebe es unumwunden zu: Putin hat es geschafft, alte verdrängte Ressentiments bei mir zu wecken. Die mein Wunsch nach Völkerverständigung ad akta gelegt hatte. Die eigenen Erfahrungen als Berliner mit den hier stationierten Russen genauso wie die familiären Berichte vom Verhalten der Russen in Berlin nach dem Einmarsch. Inklusive der Vergewaltigung des Bauches, aus dem ich komme.

Nach zwei Jahren Auseinandersetzung mit der öffentlichen Meinung zu Syrien und der Ukraine bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich links bin. Grün ja, für soziale Gerechtigkeit ja, aber für Frieden um jeden Preis, für das Sympathisieren mit Diktaturen, nur weil sie antiamerikanisch oder antikapitalistisch sind, war ich noch nie. Ich bin mir nicht sicher, wer sich da bewegt hat. Die Gesellschaft oder ich.